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Bundesamt für Naturschutz

Praktikabilität der Erfassung von Bodenorganismen

Die Erfassung von Bodenorganismen ist ein komplexes und anspruchsvolles Unterfangen, das mit verschiedenen praktischen Herausforderungen verbunden ist. Wir haben eine Informationsgrundlage zur Aussagekraft und den praktischen Erfordernissen der Erfassung verschiedener Gruppen von Bodenorganismen und ihrer Funktionen zusammengestellt.

Kriterien

Die Praktikabilität der Erfassung wird basierend auf folgenden Kriterien  bewertet:

  • Informationswert (Kenntnisstand)
  • zeitlicher und finanzieller Aufwand
  • Verfügbarkeit von Fachleuten
  • Vorhandensein methodischer Standards

Darüber hinaus wird die Anwendung des Metabarcodings als genetische Bestimmungsmethode im Vergleich zu etablierten, auf äußerlichen (morphologischen) Merkmalen basierten Bestimmungsansätzen bewertet.

Projekt zur Praktikabilität der Erfassung von Bodenorganismen

Um eine aktuelle Informationsgrundlage zur Aussagekraft sowie zu den praktischen Erfordernissen bei der Erfassung von Bodenorganismengruppen und deren Funktionen zu schaffen, wurde 2023 das Projekt „Erfassung von Bodenorganismen und deren Funktionen in einem bundesweiten Biodiversitätsmonitoring: Kenntnisstand und Praxistauglichkeit“ durchgeführt.

Rechercheobjekte des Projektes "Erfassung von Bodenorganismen und deren Funktionen in einem bundesweiten Biodiversitätsmonitoring: Kenntnisstand und Praxistauglichkeit": Organismengruppen und Messparameter von Bodenbiodiversitätsfunktionen
Rechercheobjekte zur Erfassung von Bodenorganismen und deren Funktionen in einem bundesweiten Biodiversitätsmonitoring

Vorgehensweise

Die Ergebnisse umfassen ein Screening der verfügbaren Informationen aus Literatur und von Experten und Expertinnen zum Zeitpunkt der Bearbeitung. Der Kenntnisstand bezüglich Informationswert, Methoden und Handhabung der Bestimmung und Erfassung von Organismen sowie Funktionen wurde in einer Tabelle zusammengetragen und bewertet.

Die erstellte Tabelle für die Recherche und Bewertung ist dynamisch angelegt, sodass die Informationen je nach Bedarf neu bewertet werden können. Dies erfolgt indem die Gewichtung der einzelnen Bewertungskategorien zur Gesamtbewertung angepasst wird. Vorgegeben ist eine gleichwertige Gewichtung von Informationswert, Handhabung und Qualität der (Standard-)Methode. In einer weiteren Tabelle „Abfragekategorien“ sind Erläuterungen der einzelnen Informations- und Bewertungskategorien sowie die praktische Anwendung der Bewertungseinheiten für jedes Kriterium zu finden. Das Bewertungsschema basiert auf einer punktebasierten Bewertung, die – soweit möglich - nach objektiven Kriterien vergeben wurde. Die Bewertung erfolgte in vier Stufen von 0 bis 3, wobei 0 den niedrigsten Wert darstellt und 3 den höchsten repräsentiert.

Die Graphik zeigt eine Übersicht der Kategorien zur Bewertung der Praktikabilität der Erfassung von Bodenorganismen. Die Oberkategorien sind 1. Handhabung zusammengesetzt aus Erfassung und Bestimmung, 2. Handhabung inklusive Robustheit zusammengesetzt aus Handhabung und Methodenqualität, sowie 2. Praktikabilität zusammengesetzt aus Handhabung inklusive Robustheit und Informationswert. Einzelbewertung werden zusammen mit Gewichtungsfaktoren zur Berechnung herangezogen.
Vorgehen zur Bewertung der Praktikabilität der Erfassung von Bodenorganismen

weiterführender Inhalt

Ergebnisse des Projektes

Beteiligungsmöglichkeit zu Recherchekategorien!

Die zusammengetragenen Inhalte können und sollen nach weiterem Kenntnisstand erweitert und aktualisiert werden. Sollten Sie Informationen zu den im Projekt adressierten Recherchekategorien haben, melden Sie diese bitte an uns zurück.

Entwicklung von Monitoringmodulen

Das Fachgremium nutzt die Informationen über die Praktikabilität der Erfassung von Bodenorganismen, um Monitoringmodule zu entwickeln. Die Module konzentrieren sich auf Organismengruppen und Bodenbiodiversitätsfunktionen mit hohem Informationswert und praktikabler Erhebung. Ein modular aufgebautes bundesweit harmonisiertes Bodenbiodiversitätsmonitoring soll verlässliche Daten liefern, um die Entwicklung der Bodenbiodiversität in Deutschland zu bewerten. Das Fachgremium hat Leitfragen und Ziele für ein bundesweites Bodenbiodiversitätsmonitoring erarbeitet.

Molekularbiologische Verfahren im Bodenbiodiversitätsmonitoring

Die Erfassung der Bodenbiodiversität ist methodisch anspruchsvoll, insbesondere bei artenreichen und schwer bestimmbaren Organismengruppen. Vor diesem Hintergrund hat das Nationale Monitoringzentrum zur Biodiversität ein Gutachten beauftragt, das den Stand molekularbiologischer Verfahren für das Bodenbiodiversitätsmonitoring bewertet. Die Ergebnisse bieten eine fachliche Grundlage für die weitere Einordnung und Entwicklung dieser Ansätze im behördlichen Monitoring.

Im Mittelpunkt des Gutachtens stehen die DNA- und RNA-basierten Methoden MetabarcodingMetagenomik und Metatranskriptomik. Analysiert wurden ihr aktueller Entwicklungsstand, ihre Potenziale und Grenzen sowie ihr möglicher Einsatz im behördlichen Monitoring der Bodenbiodiversität. Betrachtet wurden dabei sowohl Mikroorganismen wie Bakterien, Archaeen, Pilze und Protisten als auch zentrale Gruppen der Bodenfauna, darunter Nematoden, Mikroarthropoden, Enchyträen und Regenwürmer.

Molekularbiologische Verfahren

Um die Biodiversität zu erfassen, müssen wir heute nicht mehr jedes Tier oder jede Pflanze einzeln unter dem Mikroskop bestimmen. Jedes Lebewesen hinterlässt in seiner Umwelt kleinste Spuren von Erbgut, ob als abgestreifte Hautschuppen im Wasser, Wurzelreste im Boden oder als ganzer Organismus in einer Insektenfalle. Daher nutzen wir Proben aus diesen Umweltmedien wie ein „genetisches Archiv“, das wir mit modernen genetischen Methoden direkt auslesen können. Der große Vorteil dabei ist, dass Erbinformationen von tausenden Organismen gleichzeitig und in einem einzigen Arbeitsgang ausgelesen werden. Je nachdem, ob wir lediglich wissen wollen, wer dort lebt, oder auch verstehen möchten, wie das Ökosystem arbeitet, kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz.

Diese Methode funktioniert wie eine automatisierte Inventur. Aus einer Sammelprobe (z. B. Insekten aus einer Falle) oder einer Umweltprobe (z.B. Bodenprobe) werden ganz bestimmte, kurze DNA-Abschnitte isoliert, die für jede Art einzigartig sind. So lässt sich schnell bestimmen, wie viele verschiedene Arten in einer Probe vorhanden sind. Sofern diese bereits in einer Datenbank registriert sind, kann auch bestimmt werden, welche Arten dies sind. 

Hierbei wird nicht nur ein Schnipsel, sondern die gesamte verfügbare DNA einer Probe gelesen. Das ermöglicht es uns, über die reine Artenliste hinaus zu blicken. Wir erkennen die genetischen Baupläne der vorkommenden Arten und damit das Potenzial eines Ökosystems, zum Beispiel, ob Organismen im Boden wichtige Nährstoffe für Pflanzen bereitstellen können.

Das Messprinzip dieser Methode basiert nicht auf dem Erbgut (DNA), sondern auf dessen aktiven Arbeitskopien, der RNA. RNA ist sehr kurzlebig und wird nur bei konkreten Stoffwechselvorgängen gebildet. Daher liefert diese Analyse nicht nur eine Liste der anwesenden Arten, sondern eine echte Momentaufnahme ihrer biologischen Funktionen. Sie zeigt beispielsweise, ob Organismen gerade aktiv Nährstoffe umsetzen, Biomasse aufbauen oder auf Umweltstress reagieren.

Ergebnisse des Gutachtens

Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass molekularbiologische Verfahren ein großes Potenzial für ein zukunftsfähiges behördliches Bodenbiodiversitätsmonitoring besitzen. Sie ermöglichen eine standardisierbare, taxonomisch breite und vergleichsweise objektive Erfassung von Organismengruppen. Besonders hervorgehoben werden ihre Skalierbarkeit und ihre Eignung, Biodiversitätsdaten effizient aus Umweltproben zu gewinnen. Damit können Monitoringprogramme sowohl räumlich breiter als auch zeitlich dichter aufgestellt werden.

Zugleich zeigt das Gutachten, dass die Verfahren je nach Organismengruppe unterschiedlich weit entwickelt sind und für eine belastbare Anwendung im behördlichen Monitoring noch gezielte Weiterentwicklungen nötig sind. 

Potentiale für einzelne Organismengruppen

Die folgenden Schlaglichter zeigen, wo kurzfristig Fortschritte möglich sind, wo größere Entwicklungsbedarfe bestehen und für welche Gruppen genombasierte Verfahren oder RNA-basierte Ansätze künftig besonders relevant werden könnten:

Für Bakterien und Archaeen ist das Metabarcoding bereits vergleichsweise gut entwickelt und grundsätzlich für ein Monitoring nutzbar. Weiterer Entwicklungsbedarf besteht vor allem bei der Primerspezifität und bei der Quantifizierung, also der verlässlichen Vergleichbarkeit zwischen Proben. Langfristig können auch genombasierte Verfahren zusätzliche Potenziale eröffnen.

Bei Pilzen ist vor allem die Harmonisierung bestehender Verfahren entscheidend. Für ein konsistentes Monitoring braucht es eine verbindliche Festlegung der Markerstrategie sowie die konsequente Nutzung gut kuratierter Referenzdatenbanken, insbesondere der UNITE-Datenbank. Pilze gehören damit zu den Organismengruppen, bei denen kurzfristig vergleichsweise schnell Fortschritte in Richtung Standardisierung erreicht werden können.

Protisten sind funktional sehr wichtige Bodenorganismen, lassen sich mit Metabarcoding-Ansätzen bislang aber nur unvollständig erfassen. Wegen ihrer hohen genetischen und phylogenetischen Vielfalt stößt die Arbeit mit einzelnen Markergenen hier an Grenzen; deshalb gelten Metagenomik und der Aufbau geeigneter Referenzgenome als besonders vielversprechend. Auch perspektivisch könnten Protisten zu den Gruppen gehören, für die genombasierte Verfahren den größten Mehrwert gegenüber rein barcodebasierten Ansätzen bieten.

Das Metabarcoding von Fadenwürmern ist bereits relativ weit entwickelt und gehört zu den fortgeschritteneren Ansätzen innerhalb der Bodenfauna. Entwicklungsbedarf besteht vor allem bei der besseren taxonomischen Auflösung auf Artniveau sowie bei der zuverlässigeren Erfassung seltener Gruppen. Dafür sind erweiterte Referenzdatenbanken, methodische Verbesserungen und gegebenenfalls angepasste Sequenzierstrategien notwendig.

Enchyträen gehören zu den vielversprechendsten Gruppen für den Einsatz molekularbiologischer Verfahren im behördlichen Monitoring. Die Gruppe ist überschaubar divers, mit COI molekular gut auflösbar und verfügt bereits über eine vergleichsweise gute Referenzgrundlage. Besonders aussichtsreich sind hier der weitere Ausbau einer mitteleuropäischen Referenzdatenbank sowie die Entwicklung einer Funktionsdatenbank, um Enchyträen stärker für die Bewertung von Bodenqualität zu nutzen.

Für Mikroarthropoden besteht noch erheblicher Entwicklungsbedarf. Zunächst muss geklärt werden, welche Marker und Referenzgrundlagen für Springschwänze sowie Horn- und Raubmilben am besten geeignet sind; parallel dazu sind kuratierte Datenbanken und standardisierte Protokolle notwendig. Gerade für diese Gruppe könnten genombasierte Verfahren strategisch interessant sein, da bislang kein einzelner Barcode-Marker die gesamte Vielfalt zuverlässig erfasst und die Genome vieler Mikroarthropoden vergleichsweise gut für entsprechende Ansätze geeignet erscheinen.

Bei Regenwürmern steht weniger die grundsätzliche Machbarkeit als vielmehr die strategische Bewertung des Mehrwerts molekularbiologischer Verfahren im Vordergrund. Molekulare Ansätze können Probenahme und Artbestimmung erleichtern, werfen aber auch Fragen zur Aussagekraft etwa bei Abundanz, Biomasse und Relikt-DNA auf. Deshalb sollte zunächst geklärt werden, ob Regenwürmer künftig klassisch, molekularbiologisch oder in einer kombinierten Form erfasst werden sollen; genombasierte Verfahren sind wegen der großen und komplexen Genome hier derzeit eher weniger naheliegend.

Handlungsfelder für die Weiterentwicklung

Die identifizierten Entwicklungsbedarfe gliedern sich in sechs zentrale Handlungsfelder:

Für ein langfristiges Monitoring muss zunächst entschieden werden, welche Sequenzierungstechnologien für welche Organismengruppen eingesetzt werden sollen. Dabei geht es insbesondere um die Eignung von Short-Read-, Long-Read- und metagenomischen Ansätzen im Kontext der Ziele des Bodenbiodiversitätsmonitorings. Diese Entscheidung ist grundlegend, weil sie die weiteren Schritte der Standardisierung, Markerwahl und Datenbankentwicklung vorgibt.

Damit Ergebnisse langfristig vergleichbar und belastbar sind, braucht es einheitliche Standards entlang der gesamten Prozesskette. Dazu zählen Probenahme, DNA- und RNA-Extraktion, Laborprotokolle, Sequenzierung sowie bioinformatische Auswertung. Nur so kann ein bundesweit konsistentes und rechtssicheres Monitoring aufgebaut werden.

Die Aussagekraft molekularbiologischer Verfahren hängt wesentlich von der Qualität und Vollständigkeit der Referenzdatenbanken ab. Für einige Organismengruppen bestehen bereits gute Grundlagen, für andere gibt es noch erhebliche Lücken. Deshalb ist der Ausbau und die langfristige Pflege qualitätsgesicherter Referenzdaten ein zentrales Handlungsfeld.

Molekularbiologische Daten erlauben bisher nur eingeschränkt Aussagen über die Häufigkeit und Menge von Mikroorganismen. Um ihre ökologische Bedeutung besser einordnen zu können, müssen Verfahren zur Quantifizierung weiterentwickelt und validiert werden. Dazu gehört auch, den Einfluss von Relikt-DNA besser zu verstehen und methodisch zu berücksichtigen.

Metagenomik und Metatranskriptomik bieten die Möglichkeit, nicht nur Biodiversität, sondern auch funktionelle Prozesse im Boden besser zu erfassen. Während Metagenomik bereits mittelfristig zusätzliche Potenziale für das Monitoring bietet, befindet sich Metatranskriptomik noch stärker im Entwicklungsstadium. Langfristig können beide Ansätze wichtige Bausteine eines erweiterten Bodenbiodiversitätsmonitorings werden. 

Neue Auswerteansätze wie taxonomiefreie Indizes, funktionelle Merkmale oder KI-gestützte Verfahren können helfen, komplexe molekularbiologische Datensätze besser zu interpretieren. Ihr Potenzial ist groß, ihre Anwendung für das Bodenbiodiversitätsmonitoring aber bislang noch nicht ausreichend validiert. Deshalb sollten diese Ansätze gezielt weiter erprobt und mit entsprechendem Kompetenzaufbau begleitet werden.

Ein Diagramm zeigt die 6 Handlungsfelder ihren zeitlichen Bedarf zwischen 2,5 und 5 Jahren und ihre Prioritäten von Sequenzierungstechnologien - hoch bis KI und funktionale Indizes - mittel Vergrößern
Zeitlicher Rahmen und Priorisierung der sechs Handlungsfelder für die Weiterentwicklung des molekularbiologischen Bodenbiodiversitätsmonitorings

Insgesamt skizziert das Gutachten einen stufenweisen Entwicklungsfahrplan für die Integration molekularbiologischer Methoden in das behördliche Bodenbiodiversitätsmonitoring: von grundlegenden strategischen Entscheidungen und methodischen Vergleichsstudien über Standardisierung und Datenbankaufbau bis hin zur langfristigen Einbindung funktioneller Analysen. Damit liefert das Gutachten eine wichtige fachliche Grundlage, um Förderbedarfe zu priorisieren und die Weiterentwicklung eines wissenschaftlich fundierten, vergleichbaren und zukunftsfähigen Monitoringsystems zu unterstützen.

Gutachten

Das Gutachten wurde von dem Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum, dem Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie und der Fachhochschule Südwestfalen gemeinsam im Auftrag des Nationalen Monitoringzentrum zur Biodiversität erstellt.

Kontakt im Monitoringzentrum

Dr. Christina Lachmann
Zentrale des Nationalen Monitoringzentrums zur Biodiversität
0341 30977-237
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